Die Vienna Comix ist längst aus dem Status einer kleinen Fanveranstaltung herausgewachsen. Was einst überschaubar begann, füllte im Frühjahr 2015 zwei Tage lang die Wiener MGC-Halle und stieß dabei sichtbar an räumliche Grenzen. Für Comic-Fans, Sammler:innen, Cosplayer:innen und Popkultur-Interessierte ist die Veranstaltung zu einem Fixpunkt geworden. Bevor es im Herbst erstmals in die ehemalige Rinderhalle nach St. Marx gehen sollte, verabschiedete sich die Vienna Comix mit einer dichten, lebendigen und gut besuchten Ausgabe noch einmal von ihrem bisherigen Standort nahe der Wiener Gasometer.
Dass Comics in Österreich längst nicht mehr nur ein Nischenthema sind, zeigte sich bereits beim Betreten der Halle. Vor einigen Jahren war es für viele Erwachsene noch erklärungsbedürftig, offen über die eigene Begeisterung für Comics, Manga, Superheld:innen oder Cosplay zu sprechen. Inzwischen ist vieles davon in der Mitte der Popkultur angekommen. Kino, Fernsehen, Streaming, Games und Merchandise haben dazu beigetragen, dass Comicfiguren und ihre Welten heute deutlich sichtbarer sind als früher. Die Vienna Comix bündelte diese Entwicklung auf engem Raum.
In der MGC-Halle trafen Menschen aufeinander, die ihre Sammlung erweitern, seltene Hefte finden, Lieblingszeichner:innen treffen, neue Reihen entdecken oder einfach Teil der Szene sein wollten. Genau diese Mischung machte die Veranstaltung aus. Sie war Verkaufsbörse, Fantreffpunkt, Signiertermin, Cosplay-Bühne und Popkulturmarkt zugleich. Dabei wirkte die Vienna Comix nicht glatt oder überinszeniert, sondern lebendig, voll und stellenweise angenehm chaotisch.
Der große Schwerpunkt dieser Ausgabe lag auf The Walking Dead. Passend dazu war Charlie Adlard als Stargast eingeladen. Vor seinem Tisch bildete sich rasch eine lange Schlange. Einen zusätzlichen Anreiz bot ein exklusiv für die Vienna Comix produzierter Print, der auf 333 Stück limitiert war und bei vielen Besucher:innen ganz oben auf der Wunschliste stand.
Adlard kam beim Publikum sichtlich gut an. Der britische Zeichner nahm sich Zeit, wechselte ein paar Worte mit den Fans und wirkte trotz des Andrangs ruhig und zugänglich. Gerade bei einer Reihe wie The Walking Dead, die durch Comic und TV-Serie ein sehr breites Publikum erreicht, zeigte sich gut, wie stark sich Comic- und Serienfans mittlerweile überschneiden.
Auch Marvel-Zeichner Mahmud Asrar zog viel Aufmerksamkeit auf sich. Besonders gefragt waren persönliche Wunschzeichnungen, wodurch sich auch an seinem Tisch schnell eine längere Schlange bildete. Wer früh genug vor Ort war, konnte außerdem limitierte Prints erwerben, die rasch vergriffen waren. Neben den internationalen Gästen waren zahlreiche weitere Künstler:innen vertreten, darunter Reinhard Kleist sowie viele Nachwuchszeichner:innen, die in einem eigenen Bereich ihre Arbeiten präsentierten.
Gerade dieser Nachwuchsbereich gehörte zu den wichtigen Stärken der Vienna Comix. Zwischen etablierten Namen und großen Reihen entstand dort Raum für Entdeckungen. Besucher:innen konnten nicht nur fertige Produkte kaufen, sondern direkt mit Zeichner:innen sprechen, Skizzen sehen, kleine Eigenveröffentlichungen entdecken und einen Eindruck davon bekommen, wie vielfältig die lokale und deutschsprachige Comicszene mittlerweile geworden ist.
Wer vor allem zum Einkaufen gekommen war, zog es schnell in die große Verkaufshalle. Dort galt wie immer: Die besten Stücke sind oft früh weg. Viele Comics, Figuren und Sammlerstücke waren nur begrenzt vorhanden, und wer gezielt nach bestimmten Ausgaben suchte, musste entsprechend aufmerksam durch die Reihen gehen. Zwischen den Händlerständen gab es aber auch kleinere Verlage, Eigenproduktionen und Projekte, die einen genaueren Blick verdienten.
Positiv fiel etwa Plem Plem Productions auf. Der Verlag war erneut auf der Vienna Comix vertreten und brachte mehrere interessante Comics mit. Solche Stände sind wichtig, weil sie zeigen, dass die Veranstaltung nicht nur von großen Marken, Importware und bekannten Figuren lebt. Gerade kleinere Anbieter:innen können Besucher:innen auf Reihen aufmerksam machen, die man im normalen Handel leicht übersieht.
Nicht jeder Stand nutzte seine Möglichkeiten gleich gut. Manche Präsentationen wirkten etwas lieblos oder wenig einladend. Auf einer Veranstaltung, die so stark von Neugier, Gespräch und spontanen Entdeckungen lebt, ist das schade. Wer mit einem eigenen Projekt vertreten ist, sollte die Chance nutzen, aktiv auf Besucher:innen zuzugehen und die eigene Begeisterung sichtbar zu machen. Die Vienna Comix bot dafür eigentlich die richtige Bühne.
Abseits der Stände war die Stimmung ausgesprochen freundlich. Überall waren gut gelaunte Besucher:innen unterwegs, viele mit vollen Taschen, signierten Prints oder neuen Figuren in der Hand. Cosplayer:innen prägten das Bild der Messe deutlich mit. Von Deadpool über Lara Croft bis hin zu zahlreichen Zombies war vieles vertreten. Passend zum The Walking Dead-Schwerpunkt konnten sich Besucher:innen vor Ort sogar kostenlos schminken lassen.
Auch Furries waren wieder auf der Vienna Comix unterwegs und sorgten für viele Fotomotive. Insgesamt war die Fotobereitschaft hoch. Viele Kostümierte nahmen sich Zeit, posierten geduldig und trugen wesentlich zur offenen Atmosphäre der Veranstaltung bei. Gerade dadurch wurde spürbar, dass die Vienna Comix nicht nur aus Kaufen und Signieren besteht, sondern auch aus Begegnungen zwischen Fans.
Wer selbst alte Comics oder Raritäten zu Hause hatte, konnte diese beim Stand des Dorotheums begutachten lassen. Für Sammler:innen war das ein praktisches Angebot, weil der tatsächliche Wert alter Hefte oft schwer einzuschätzen ist. Daneben gab es am Eingang wieder Gratisgeschenke und kleine Mitbringsel, die seit Jahren zum Erlebnis solcher Veranstaltungen gehören.
Die Frühjahrsausgabe der Vienna Comix 2015 machte deutlich, warum der Schritt in eine größere Location notwendig geworden war. Die MGC-Halle hatte der Veranstaltung lange gute Dienste geleistet, doch die Mischung aus Händler:innen, Stargästen, Cosplay, Nachwuchsbereich und dichtem Besucher:innenstrom brauchte mehr Raum. Der Umzug nach St. Marx wirkte deshalb weniger wie ein Risiko als wie die logische nächste Entwicklungsstufe.
Die Vienna Comix hat ihren Platz in der heimischen Popkulturlandschaft gefunden. Sie war voll, lebendig und stellenweise etwas eng, aber gerade darin lag auch ihr Charme. Sie zeigte, wie breit Comics, Manga, Serien, Games, Cosplay und Sammelkultur inzwischen ineinandergreifen. Wenn die Energie dieser Frühjahrsausgabe ein Vorgeschmack auf den neuen Standort war, durfte man auf die größere Ausgabe in St. Marx durchaus gespannt sein.
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