Titel:
Oxen. Interregnum

Schriftsteller:
Jensen, Jens Henrik

Verlag:
dtv
608 Seiten

VÖ-Datum:
15.01.2026

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Buchkritik: Oxen. Interregnum

Was passiert, wenn ein Feind nicht tot ist, sondern nur geduldig? Wenn eine Verschwörung nicht zerschlagen wurde, sondern sich neu sortiert hat? Oxen: Interregnum setzt genau dort an, wo viele Thriller aufhören würden, nämlich nach dem vermeintlichen Sieg. Jens Henrik Jensen interessiert sich nicht für den lauten Knall, sondern für das leise Wiederaufflammen, für die Phase dazwischen, das politische Vakuum, in dem alte Netzwerke neue Masken aufsetzen. Und genau darin liegt die eigentliche Spannung dieses Bandes.

Mit Oxen: Interregnum merkt man Jens Henrik Jensen sofort wieder an, warum diese Reihe so gut funktioniert: Er kann politische Paranoia, er kann Tempo und er kann Figuren, die mehr sind als Schachfiguren in einer Verschwörungsmaschine. Gleichzeitig ist das hier ein Band innerhalb einer Serie. Man kann sich dennoch auch ohne Vorwissen hineintasten, weil Jensen das Nötige erwähnt bzw. mitschwingen lässt. Die Bände sind auch in sich geschlossen. Die volle Wucht entfaltet das Buch aber wohl nur dann, wenn man Oxen, Franck und Mossman wirklich schon „kennt“ – inklusive ihrer alten Narben sowie ihrer Charaktereigenschaften. Lest einfach alle Bände der Reihe, es lohnt sich! Der Aufhänger ist herrlich undankbar im besten Thriller-Sinn. Ein Feind, den man längst zu den Akten gelegt hat, taucht wieder auf. Mossman, als Interimschef beim PET, wittert, dass der Danehof nicht nur überlebt hat, sondern sich neu sortiert. Und weil Mossman weiß, wie wenig Zeit ihm bleibt (im Amt und im Leben), wird aus dem Auftrag an Oxen und Franck schnell etwas dringliches, persönliches. Das Buch trägt diesen Ton gut, denn es geht nicht nur um „Fall lösen“, sondern um den Versuch, einen Brand zu löschen, der schon wieder unter dem Boden glimmt und bei dem jeder falsche Schritt die nächste Explosion auslösen kann. Was ich mochte: Jensen arbeitet erneut mit Perspektivwechseln, und das macht Interregnum stark. Man ist den Ermittler:innen manchmal einen Tick voraus, weil man Dinge sieht, die sie noch nicht zusammenfügen können und genau daraus entsteht diese nervöse Spannung, die einen immer weiterzieht. Der Plot verästelt sich international (inklusive geopolitischer Knoten, bei denen man irgendwann merkt, hier geht’s nicht um einzelne Täter, hier geht’s um Interessen). Es ist wieder diese Mischung aus klassischer Ermittlungsarbeit, verdeckten Operationen und dem Gefühl, dass Macht selten dort sitzt, wo sie offiziell hingehört. Wenn Jensen „Folge dem Geld“ spielt, wirkt das nie wie eine Floskel, sondern wie der Schlüssel zu einem System, das sich selbst schützt. Dazu kommt, dass die Reihe weiterhin etwas hat, das viele Politthriller nicht schaffen, ein echtes emotionales Gegengewicht. Oxen ist nach wie vor traumatisiert, aber er ist nicht mehr nur der einsame, kaputte Soldat. Sein Verhältnis zu Magnus ist inzwischen ein Kern, an dem viel hängt und genau deshalb wird jede Bedrohung plötzlich doppelt scharf. Franck bleibt die, die am schnellsten denkt und am kühlsten reagiert, ohne dabei kalt zu wirken. Und Mossman ist für mich in diesem Band fast die interessanteste Figur, alt genug, um sich nichts mehr schönzureden, klug genug, um seine eigenen Fehler zu erkennen und stur genug, um trotzdem noch einmal alles zu riskieren. Neu und für mich wirklich ein Gewinn ist Dajana Djukic. Sie bringt eine andere Art Energie rein, weniger „Geheimbund-Schach“, mehr bodenständige Hartnäckigkeit, die aber genau deshalb gefährlich wird, weil sie Dinge nicht einfach schluckt. Ich hatte schnell das Gefühl, dass sie der Reihe gut tun könnte, wenn Jensen sie weiter mitnimmt, als Kontrast zu den alten Hasen, die längst wissen, wie oft Wahrheit politisch verhandelbar ist. Ich bin gespannt, ob sich hier nicht eine neue Reihe auftut. Ganz rund ist Interregnum für mich trotzdem nicht. Mit knapp 600 Seiten und sehr vielen Beteiligten gibt es Passagen, die sich eher nach Sortieren als nach Vorwärtsdrang anfühlen. Man merkt, wie groß das Spielfeld ist, manchmal sogar so groß, dass die Spannung kurz ausdünnt, weil man erst wieder alle Figuren und Fäden im Kopf ordnen muss. Und wer zwischen den Bänden länger Pause hatte, wird zu Beginn ein bisschen arbeiten müssen, bis alles wieder greift. Aber sobald die Mechanik einmal läuft, ist das wieder genau dieser „Nur noch ein Kapitel“-Sog, für den man die Reihe liebt.

Fazit Buch:
Unterm Strich ist Interregnum ein sehr starker Thriller, politisch aufgeladen, sauber konstruiert, mit Figuren, die mir längst wichtig sind und mit dem angenehmen Gefühl, dass hier nicht einfach nur nach Schema F weitergeschrieben wird, sondern dass sich Beziehungen, Rollen und Verwundbarkeiten wirklich verschieben. Wer Oxen ohnehin verfolgt, bekommt hier viel Futter. Und wer skandinavische Thriller mag, die sich nicht mit einem einzelnen Mord zufriedengeben, sondern Macht als etwas zeigen, das im Schatten arbeitet, wird mit diesem Band sehr gut bedient. Als Reihe zu empfehlen, aber auch als Stand-Alone lesbar.

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