Ob die Hängenden Gärten von Babylon tatsächlich existierten, wie sie aussahen und wo sie sich befanden, ist bis heute umstritten. Für unser eigenes Gartenprojekt spielt das glücklicherweise keine Rolle. König Nebukadnezar II. erwartet ein eindrucksvolles Wunderwerk aus exotischen Tieren, seltenen Bäumen, farbenprächtigen Blumen und einer ausgeklügelten Bewässerung. Zwölf Karten später soll aus einer leeren Fläche ein Garten entstehen, der selbst den anspruchsvollsten Herrscher überzeugt.
Die Hängenden Gärten von Grégory Grard und Matthieu Verdier verbindet einen einfachen Arbeitereinsatz mit einem Kartenpuzzle, das deutlich mehr Überlegung verlangt, als die überschaubaren Regeln zunächst vermuten lassen. Eine Partie läuft über vier Runden, in denen wir jeweils drei Gärtner einsetzen. Damit bleiben uns gerade einmal zwölf Spielzüge, um unseren vollständigen Garten zu errichten. Viel Zeit für Umwege gibt es also nicht.
Auf dem zentralen Tableau liegen zwölf Gartenkarten in drei Spalten aus. Wer am Zug ist, stellt einen seiner Gärtner unter eine Spalte und wählt daraus eine Karte. Die unterste Karte ist kostenlos, während für die höher liegenden Karten Werkzeuge bezahlt werden müssen. Sobald eine Karte genommen wurde, rücken die übrigen nach unten und werden günstiger.
Dadurch verändert sich die Auslage ständig. Eine besonders attraktive Karte kann momentan noch zu teuer sein, nach dem Zug einer anderen Person aber plötzlich kostenlos ausliegen. Darauf zu warten ist dennoch riskant, denn möglicherweise wird sie vorher genommen. Gleichzeitig sind die Plätze unter den Spalten begrenzt. Sind alle dort verfügbaren Felder mit Gärtnern besetzt, ist die gesamte Spalte für den Rest der Runde blockiert.
Die Interaktion entsteht damit nicht durch direkte Angriffe, sondern durch das Wegnehmen von Karten und das Besetzen wichtiger Spalten. Wer beobachtet, worauf die anderen hinarbeiten, kann ihnen durchaus einen Strich durch die Rechnung machen. Manchmal geschieht das gezielt, häufig aber auch ganz nebenbei, weil mehrere Personen dieselbe Karte benötigen.
Die gewählten Karten bauen wir sofort in unseren persönlichen Garten ein. Am Ende besteht dieser aus zwölf Karten, die in drei Ebenen pyramidenförmig angeordnet werden. Das Fundament umfasst fünf Karten, darüber folgen vier und an der Spitze drei. Eine Karte in einer höheren Ebene darf nur gelegt werden, wenn beide Plätze darunter bereits besetzt sind.
Dadurch ist nicht nur entscheidend, welche Karten wir nehmen, sondern auch, wann und wo wir sie einbauen. Ein unüberlegt errichtetes Fundament kann später dafür sorgen, dass bestimmte Karten nicht mehr an der gewünschten Stelle untergebracht werden können. Gleichzeitig wissen wir während der ersten Züge noch nicht, welche Möglichkeiten die Auslage in den späteren Runden bieten wird. Der Garten muss daher geplant werden, ohne sich zu früh auf einen einzigen Weg festzulegen.
Auf den Karten finden sich Tiere, Bäume, Menschen und Blumen in unterschiedlichen Farben. Diese Elemente folgen jeweils eigenen Wertungsbedingungen. Tiere können abhängig von ihrer Position im Garten Punkte bringen, während Bäume passende Gruppen bevorzugen. Bei den Blumen ist vor allem die größte zusammenhängende Fläche einer Farbe interessant. Einfach wahllos möglichst viele Symbole zu sammeln, führt daher selten zum Erfolg.
Die verschiedenen Wertungen sind grundsätzlich gleichwertig genug, um mehrere Strategien zu ermöglichen. In einer Partie kann eine große Blumenfläche den Ausschlag geben, in einer anderen sind Tiere, Bäume oder die Bewässerung entscheidend. Was zunächst wie dekoratives Beiwerk wirkt, kann mit wachsender Erfahrung zu einem tragenden Bestandteil der eigenen Strategie werden.
Nach der Wahl einer Gartenkarte dürfen wir Gold ausgeben, um eine Verschönerung zu kaufen. Diese wird auf einer leeren Karte platziert und ergänzt sie um ein zusätzliches Element. Teurere Verschönerungen bringen darüber hinaus Gold, Werkzeuge oder eine Krone. Dadurch bleiben auch leere Gartenkarten wertvoll, sofern wir genügend Geld besitzen, um sie später aufzuwerten.
Besonders kostspielig ist die Bewässerung. Sie folgt einem persönlichen Plan und kann bei der Endabrechnung viele Punkte einbringen. Allerdings ist sie nur eine von mehreren Möglichkeiten. Wer zu viel Gold in Wasserkanäle investiert, vernachlässigt möglicherweise andere Wertungen. Wer sie vollständig ignoriert, verschenkt dagegen leicht ein erhebliches Punktepotenzial.
Neben dem Gartenbau warten königliche Ziele auf ihre Erfüllung. Sie verlangen bestimmte Elemente in einer Reihe, etwa mehrere Tiere, Blumen oder Ressourcensymbole. Wer ein Ziel erfüllt, erhält zusätzliche Punkte. Da diese Aufgaben offen ausliegen und von mehreren Personen verfolgt werden, entsteht ein weiteres Wettrennen.
Die Krone spielt dabei eine doppelte Rolle. Sie entscheidet darüber, wer die folgende Runde beginnt, und erleichtert zugleich bestimmte königliche Ziele. Der Startspielerwechsel ist keineswegs nur eine Formalität. Wer zuerst handelt, hat Zugriff auf die vollständige Kartenauslage und kann sich frühzeitig eine begehrte Spalte sichern.
In der ersten Partie kann Die Hängenden Gärten trotzdem überraschend unspektakulär wirken. Wir setzen einen Gärtner ein, wählen eine Karte und bauen sie in unsere Auslage. Welche Entscheidung am Ende wirklich wertvoll war, lässt sich ohne Erfahrung nur schwer einschätzen. Einige Wertungsmöglichkeiten erscheinen zunächst deutlich wichtiger als andere, obwohl sich dieses Bild später verändert.
Genau darin liegt aber eine der größten Stärken des Spiels. Mit jeder weiteren Partie wird klarer, wie eng die einzelnen Systeme miteinander verbunden sind. Werkzeuge ermöglichen den Zugriff auf höher liegende Karten, Gold finanziert Verschönerungen und Bewässerung, Kronen sichern den Beginn der nächsten Runde und erleichtern Ziele. Gleichzeitig muss jede Karte sowohl zu ihrer Position als auch zur geplanten Wertung passen.
Diese Lernkurve sorgt dafür, dass das Spiel nach dem Kennenlernen nicht sofort vollständig entschlüsselt ist. Nach einer ersten Niederlage erkennt man schnell, an welchen Stellen Punkte liegen geblieben sind. Man möchte einen anderen Schwerpunkt ausprobieren, die Bewässerung früher angehen oder diesmal konsequenter auf eine Blumenfarbe setzen. Die Hängenden Gärten motiviert nicht durch ständig neue Regeln, sondern durch ein wachsendes Verständnis seiner Möglichkeiten.
Der Umfang bleibt dabei angenehm kompakt. Die einzelnen Züge sind grundsätzlich schnell ausgeführt und der Ablauf lässt sich in wenigen Minuten erklären. Zu zweit ist die Kartenauslage relativ gut kalkulierbar, während mit mehreren Personen deutlich häufiger umgeplant werden muss. Besonders zu dritt entsteht eine gute Mischung aus Kontrolle, Konkurrenz und kurzen Wartezeiten.
Die angegebene Spieldauer kann allerdings optimistisch sein. Wer jede Karte, jede Verschönerung und sämtliche zukünftigen Wertungen ausführlich durchrechnet, verlängert die Partie spürbar. Das Spiel selbst erzeugt kaum unnötige Wartezeit, bietet aber genügend Entscheidungen, um anfällige Grüblerinnen und Grübler länger zu beschäftigen.
Auch Glück spielt eine Rolle. Nicht immer erscheinen die benötigten Karten rechtzeitig, und bis zum eigenen Zug kann eine vielversprechende Auslage vollständig verschwunden sein. Das verlangt Flexibilität, kann aber auch frustrieren, wenn keine der verfügbaren Optionen zum eigenen Garten passt. Da es mehrere Wege zu Punkten gibt, bleibt normalerweise zumindest eine brauchbare Alternative.
Optisch wird das Thema überzeugend umgesetzt. Der Garten wächst sichtbar über drei Ebenen und entwickelt sich von einer leeren Fläche zu einer farbenprächtigen Anlage. Die Illustrationen von Miguel Coimbra unterstreichen die Vorstellung eines prachtvollen antiken Weltwunders, während Symbole und Ressourcen gut erkennbar bleiben. Auch das Material fühlt sich angenehm an und passt zum gehobenen, aber weiterhin zugänglichen Anspruch des Spiels.
Fazit
Nicht jede Kartenauslage spielt den eigenen Plänen in die Hände, und mit grübellastigen Personen können aus den versprochenen 30 Minuten schnell 45 Minuten oder mehr werden. Wer jedoch bereit ist, sich mehrfach mit dem Spiel zu beschäftigen, erhält ein zugängliches Strategiespiel, das mit jeder Partie interessanter wird.
Die Hängenden Gärten eignet sich damit besonders für Familien und Spielrunden, die einfache Regeln schätzen, aber trotzdem echte Entscheidungen treffen möchten. Es ist schnell verstanden, angenehm interaktiv und tief genug, um nicht nach einem einzigen Abend wieder im Regal zu verschwinden. Gerade weil sich seine Qualitäten erst nach und nach offenbaren, hat uns dieses Weltwunder letztlich deutlich stärker überzeugt, als es der unscheinbare Einstieg zunächst vermuten ließ.
Top-Artikel der letzten 7 Tage







