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Filmkritik: Michael

· ca. 5 Min. Lesezeit Andreas Zommer
Film-Bild: Michael

Wie erzählt man das Leben eines Künstlers, dessen Musik Popgeschichte geschrieben hat, dessen Biografie aber längst nicht mehr von seinem Werk zu trennen ist? Genau an dieser Frage zerbricht Michael. Nicht, weil der Film handwerklich unfähig wäre oder weil ihm die ikonischen Momente fehlen würden. Sondern weil er von Anfang an gar nicht daran interessiert ist, diese Widersprüche wirklich auszuhalten. Statt einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Michael Jackson bekommt man hier vor allem ein Hochglanz-Produkt, das seine Legende absichert, seine Größe feiert und alles Schwierige möglichst elegant umschifft.

Dabei beginnt der Film zunächst durchaus wirkungsvoll. Die frühen Jahre in Gary, Indiana, die Jackson 5, das immense Talent des kleinen Michael und vor allem die Gewalt und Kontrolle durch den Vater liefern den naheliegenden, aber auch funktionierenden Einstieg. Colman Domingo macht aus Joe Jackson keine bloße Karikatur, sondern ein einschüchterndes Machtmonster, dessen Brutalität den ganzen Film über nachhallt. Dass diese Vaterfigur am Ende fast die komplexeste Person im Film bleibt, sagt allerdings auch schon viel über das eigentliche Problem von Michael aus. Der Film interessiert sich letztlich mehr für Michaels Mythos als für Michael selbst.

Jaafar Jackson ist dabei ohne Frage ein Pfund. Dass der Neffe seinem berühmten Onkel verblüffend ähnlich sieht, wäre allein noch kein Wert. Entscheidend ist, dass er auch dessen Körperlichkeit, seine Bewegungen und seine Bühnenpräsenz auf eine Weise einfängt, die immer wieder staunen lässt. Gerade in den großen Performance-Szenen, wenn bekannte Auftritte, Choreografien und Songs nachgestellt werden, entwickelt der Film eine Sogwirkung, der man sich schwer entziehen kann. Das liegt natürlich auch daran, dass Michael Jacksons Musik bis heute eine enorme Wucht besitzt. Der Film weiß das ganz genau und baut im Grunde seine gesamte Wirkung darauf auf.

Gerade darin liegt seine Verführung und seine Unehrlichkeit. Michael ist immer dann am stärksten, wenn er nicht vorgibt, ein komplexes Biopic zu sein, sondern einfach nur ein gewaltiges Musik-Spektakel. Sobald der Film aber mehr sein will als eine sorgfältig arrangierte Greatest-Hits-Show, wird es schwierig. Denn erzählerisch bleibt das alles erstaunlich flach. Die Stationen von Jacksons Leben rauschen vorbei, Beziehungen werden angerissen, Konflikte werden benannt, aber kaum vertieft. Vieles wirkt wie aus Pflichtgefühl aufgenommen, damit man auf dem Weg zum nächsten ikonischen Song nicht ganz den Eindruck verliert, hier werde auch eine Lebensgeschichte erzählt.

Das ist besonders deshalb unerquicklich, weil Michael offensichtlich sehr genau weiß, was er ausspart. Der Film endet bezeichnenderweise dort, wo die Figur Michael Jackson als unangreifbare Pop-Legende am hellsten strahlt. Alles, was das Bild ernsthaft stören könnte, wird weggeschoben, verkürzt oder in eine Unschuldserzählung eingebettet. Seine Nähe zu Kindern, seine Infantilisierung, seine Exzentrik, seine abgeschottete Fantasiewelt, all das erscheint hier nicht als verstörender oder zumindest ambivalenter Teil einer komplizierten Person, sondern als Folge einer verlorenen Kindheit, als schrullige Marotte, als traurige, aber letztlich liebenswerte Eigentümlichkeit. Das ist nicht nur auffällig. Es ist die eigentliche Strategie des Films.

Dadurch bekommt Michael einen fast hagiografischen Zug. Dieser Michael Jackson ist vor allem Opfer. Opfer eines gewalttätigen Vaters, Opfer des Musikgeschäfts, Opfer des Leistungsdrucks, Opfer seines Ruhms. All das mag in Teilen selbstverständlich zutreffen. Aber der Film lässt so wenig Raum für Reibung, dass daraus keine komplexe Figur mehr entsteht, sondern eine Märchenversion des King of Pop. Selbst dort, wo mögliche Brüche angedeutet werden, etwa bei Medikamenten, Körperbild oder psychischer Verfassung, bleibt alles auffallend vorsichtig. Man will Mitleid, Bewunderung und Nostalgie erzeugen, aber keine ernsthafte Irritation.

Das macht den Film nicht automatisch unerquicklich anzusehen. Antoine Fuqua inszeniert das Ganze professionell, manchmal sogar mit echtem Gespür für Größe. Die Ausstattung ist enorm, die Musiknummern tragen, die Rekonstruktionen berühmter Momente beeindrucken, und wer mit Michael Jacksons Songs aufgewachsen ist, wird sich der Wirkung vieler Szenen kaum entziehen können. Es gibt Bilder und Auftritte, die im Kino schlicht funktionieren. Gerade deshalb ist der Film so unerquicklich. Denn er ist gut genug gemacht, um seine Glättung elegant aussehen zu lassen.

Hinzu kommt, dass manche Entscheidungen fast unfreiwillig komisch wirken. Exotische Tiere, Bubbles, Giraffen am Fenster, pseudoweise Dialoge über Musik und Menschlichkeit, dazu Nebenfiguren, die mitunter wie Heiligenhelfer oder Stichwortgeber für die Legendenbildung auftreten. Besonders die Darstellung von John Branca als genialer Strippenzieher hat etwas derart Selbstgefälliges, dass der Film hier beinahe in Camp kippt. In solchen Momenten spürt man sehr deutlich, dass Michael nicht einfach ein Biopic sein will, sondern kontrolliertes Markenmanagement im Gewand einer Künstlergeschichte.

Das vielleicht größte Versäumnis ist aber, dass der Film trotz seiner Länge erstaunlich wenig über Michael Jacksons künstlerischen Prozess verrät. Man sieht ihn auftreten, proben, tanzen, im Studio stehen, Songs performen. Aber man versteht ihn kaum als arbeitenden Künstler. Wie aus Talent Kunst wird, wie aus Intuition Form entsteht, wie Besessenheit und Kontrolle seine Musik geprägt haben, das bleibt alles seltsam vage. Für einen Film über einen der wichtigsten Popstars des 20. Jahrhunderts ist das zu wenig.

Fazit

Andreas Zommer
Andreas Zommer
YouGame Redaktion
Michael ist kein vollständiges Biopic, sondern eine sehr gezielte, sehr aufwendig produzierte Helden- und Opfererzählung. Der Film funktioniert als Spektakel, als Musikfilm und als nostalgische Verbeugung vor Michael Jacksons Bühnenpersona immer wieder erstaunlich gut. Jaafar Jackson ist stark besetzt, Colman Domingo liefert die eindrucksvollste Schauspielarbeit des Films, und viele Performance-Szenen haben genau jene Wucht, die man von einem Stoff wie diesem erwarten darf.

Als ernsthafte filmische Annäherung an die Person Michael Jackson scheitert der Film jedoch klar. Er bleibt zu glatt, zu vorsichtig, zu kontrolliert und zu offensichtlich daran interessiert, eine Legende zu schützen statt einen Menschen zu zeigen. Unterm Strich ist das deshalb ein durchaus wirkungsvolles, aber fundamental unaufrichtiges Biopic, das seine größten Stärken genau dort hat, wo es aufhört, Biografie sein zu wollen.

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