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| Titel: Der Hochstapler - Roofman Original-Titel: Roofman USA /2025 Verleih: Constantin Film Laufzeit: 120 Minuten |
Filmkritik: Der Hochstapler - Roofman
13.12.2025 - Andreas
Derek Cianfrance interessiert sich nicht für Helden. Ihn faszinieren Menschen, die scheitern, obwohl (oder gerade weil) sie es ernst meinen. Mit Der Hochstapler – Roofman kehrt er nach fast einem Jahrzehnt ins Kino zurück und erzählt eine auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte, die auf den ersten Blick wie ein skurriler Heist-Film wirkt, sich aber rasch als melancholische Charakterstudie entpuppt.
Im Zentrum steht Jeffrey Manchester (Channing Tatum), ein ehemaliger Soldat, geschiedener Vater und Mann ohne festen Halt im zivilen Leben. Als das Geld nicht reicht, um seiner Tochter das zu bieten, was er für selbstverständlich hält, beginnt er, Fast-Food-Filialen auszurauben, höflich, kontrolliert, beinahe widerwillig. Cianfrance interessiert sich dabei weniger für den Nervenkitzel der Taten als für die innere Logik dahinter. Jeffrey sieht sich selbst nicht als Kriminellen, sondern als jemanden, der versucht, seinen Verpflichtungen gerecht zu werden. Genau dieser Selbstbetrug macht ihn zur tragischen Figur. Der Film nimmt früh eine unerwartete Wendung. Nach Verhaftung und spektakulärem Ausbruch aus dem Gefängnis verschwindet Jeffrey nicht in der Anonymität einer anderen Stadt, sondern in einer Toys-“R”-Us-Filiale. Dort richtet er sich in einem Hohlraum hinter Regalen ein provisorisches Zuhause ein, ein Bild, das gleichermaßen absurd wie bezeichnend ist. Zwischen Plüschtieren, Videospielen und Süßigkeiten lebt ein Mann, der sich unmerklich in eine kindliche Parallelwelt zurückzieht, während draußen das Leben weitergeht. Cianfrance inszeniert diese Passagen mit großer Ruhe. Die Kamera bleibt nah an den Gesichtern, beobachtet, statt zu kommentieren. Der Film verweigert sich konsequent der Versuchung, Jeffreys Geschichte als cleveres Katz-und-Maus-Spiel oder als schrullige Außenseiterkomödie zu erzählen. Stattdessen entwickelt sich Roofman zu einer Studie über Einsamkeit, Schuld und den Wunsch nach Zugehörigkeit in einer Gesellschaft, die Wertschätzung fast ausschließlich über ökonomische Leistungsfähigkeit definiert. Channing Tatum liefert hier eine seiner bemerkenswertesten Leistungen ab. Er spielt Jeffrey nicht als charismatischen Gauner, sondern als erschöpften Idealisten, der an den eigenen Ansprüchen zerbricht. Tatums Körperlichkeit, sichtbar gezeichnet, beinahe ausgehöhlt, trägt entscheidend zur Glaubwürdigkeit der Figur bei. Seine Stärke liegt weniger im großen emotionalen Ausbruch als in den stillen Momenten, in Blicken, im Zögern, im Versuch, Normalität zu simulieren. Kirsten Dunst als Leigh, eine alleinerziehende Mitarbeiterin des Spielzeugladens, bildet das emotionale Gegengewicht. Ihre Figur ist kein romantisches Heilsversprechen, sondern eine Frau mit eigenem Leben, eigenen Routinen und begrenzter Geduld. Die Beziehung zwischen Jeffrey und Leigh entwickelt sich unspektakulär, fast beiläufig, gerade darin liegt ihre Wirkung. Dunst spielt diese Rolle mit einer Bodenständigkeit, die verhindert, dass der Film ins Sentimentale kippt. Peter Dinklage wiederum setzt als zynischer Filialleiter einen scharf gezeichneten Akzent, ohne zur bloßen Karikatur zu werden. Formal bleibt Der Hochstapler – Roofman Cianfrances Handschrift treu, lange Einstellungen, zurückhaltender Score, eine Bildsprache, die Nähe zulässt und Distanz verweigert. Nicht alles geht dabei auf. Einige Nebenfiguren bleiben skizzenhaft und hätten mehr Tiefe vertragen können, und im letzten Drittel verliert der Film etwas von seiner erzählerischen Spannung. Doch diese Unebenheiten wirken weniger wie Schwächen als wie der Preis einer Erzählweise, die sich konsequent auf Atmosphäre und innere Zustände konzentriert.
Fazit:
Der Hochstapler – Roofman ist kein Heist-Film und keine schräge True-Crime-Anekdote, sondern ein leises, oft schmerzhaft genaues Porträt eines Mannes, der an der eigenen Vorstellung von Verantwortung scheitert. Derek Cianfrance erzählt diese Geschichte ohne Zynismus und ohne falsche Versöhnlichkeit. Er romantisiert seinen Protagonisten nicht, verurteilt ihn aber ebenso wenig. Stattdessen zeigt er, wie dünn die Grenze zwischen Anständigkeit und Scheitern sein kann, wenn ein System wenig Raum für zweite Chancen lässt.
Getragen von einer starken Hauptdarstellung und einer präzisen Inszenierung ist Roofman ein erwachsenes Stück Kino, das sich Zeit nimmt und diese Zeit auch einfordert. Kein Film für schnelle Effekte oder einfache Identifikation, aber einer, der lange nachwirkt, weil er den Blick dorthin richtet, wo das Kino nur selten verweilt, nämlich auf Menschen, die nicht böse sein wollen und trotzdem Schaden anrichten.



