Titel:
Schneewittchen
Original-Titel:
Snow White
USA/2025
Verleih:
Walt Disney Studios Motion Pictures

Laufzeit:
109 Minuten

Filmkritik: Schneewittchen

24.03.2025 - Andreas

Mit der Realverfilmung von Schneewittchen wagt Disney sich an den wohl legendärsten Titel seiner langen Märchen-Historie. Schon im Vorfeld wurde der Film von so vielen Kontroversen, Vorurteilen und Debatten begleitet, dass es fast unmöglich schien, ihn unbefangen auf sich wirken zu lassen. Zwischen Shitstorms wegen des Castings von Rachel Zegler, politischen Grabenkämpfen und der Debatte um die sieben Zwerge stellte sich vor allem eine Frage: Ist Schneewittchen wirklich die filmische Katastrophe, als die er oft verschrien wurde – oder verbirgt sich hier doch ein Stück Disney-Magie?

Die Geschichte ist bekannt, doch Disney hat sie, wie schon 1937, für seine Zeit neu interpretiert. Im Mittelpunkt steht Schneewittchen (Rachel Zegler), die nach dem Tod ihrer Mutter und dem mysteriösen Verschwinden ihres Vaters mit der Eitelkeit und Bosheit ihrer Stiefmutter (Gal Gadot) konfrontiert wird. Als der magische Spiegel Schneewittchen zur Schönsten im Land erklärt, nimmt das Unheil seinen Lauf: Die Königin trachtet ihr nach dem Leben, Schneewittchen flieht und findet schließlich bei den sieben Zwergen Unterschlupf. Doch die Gefahr ist nicht gebannt, und erst eine Revolte gegen das Unrecht bringt das Königreich wieder ins Gleichgewicht.

Künstlichkeit und Charme
Schon die ersten Szenen setzen die Tonalität: ein Märchenbuch, süße Tiere und viel, viel Nostalgie. Die Sets und Kostüme sind detailverliebt gestaltet, die märchenhafte Atmosphäre erinnert fast durchgängig an das Disneyland-Fantasyland, ein deutlicher Pluspunkt im Vergleich zu anderen, oft steril geratenen Live-Action-Adaptionen. Die Ausstattung (u.a. von Oscar-Legende Sandy Powell) ist bunt, liebevoll und voller kleiner Verweise auf das Original.

Die größte Schwäche liegt allerdings in der CGI-Umsetzung. Gerade die Zwerge polarisieren: Ihr Look schwankt zwischen Cartoon-Abstraktion und digitalem Uncanny Valley, oft wirken sie wie Fremdkörper in den ansonsten echten Kulissen. Auch viele Tiere sind sichtbar animiert, was zwar ins Märchenschema passt, aber manchmal stört. Die Entscheidung, nicht auf reale Schauspieler zu setzen, bleibt kontrovers – und ein Grund, warum viele nach wie vor hadern.

Musik und Atmosphäre: Ein Hauch von Disney-Magie
Erstaunlich klassisch geht der Film musikalisch vor. Bekannte Melodien wie „Hei-ho“ sind geblieben und werden durch neue Songs ergänzt, die sich stimmig ins Gesamtbild einfügen - mit Rachel Zegler als stimmgewaltigem Zentrum. Besonders auffällig ist, wie akustische Effekte und Bewegungen der Figuren mit der Musik verschmelzen, wie man es aus alten Disney-Filmen kennt. Der Slapstick-Humor ist kindgerecht und nie plump, ein Verdienst auch der Regie von Marc Webb, der insgesamt solide, wenn auch nicht fehlerfrei inszeniert.

Inhaltlich bleibt vieles beim Alten, doch einige zentrale Figuren und Motive wurden für die Gegenwart behutsam angepasst. Schneewittchen ist nicht mehr die passive Prinzessin, die auf Rettung wartet, sondern übernimmt Verantwortung, organisiert Widerstand und bringt das Gute zurück ins Land. Die Liebesgeschichte ist weniger auf den berühmten „Kuss aus wahrer Liebe“ fixiert, stattdessen entwickelt sich die Romanze glaubwürdiger und moderner. Der Prinz ist passé, an seine Stelle tritt Jonathan, ein Robin-Hood-artiger Dieb, mit dem Schneewittchen gemeinsam agiert. Diese Aktualisierungen sind meist nachvollziehbar, manche Puristen werden dennoch ihre Mühe damit haben. In jedem Fall zeigt sich, wie wandelbar Märchen sind und dass Disney nicht davor zurückscheut, seine Stoffe immer wieder neu zu denken.

Debatten um Diversität: Zwischen Hasswelle und Kinderträumen
Die größte Debatte begleitete das Casting von Rachel Zegler als Schneewittchen und die Frage, ob eine Figur, deren Name auf „weiße Haut wie Schnee“ anspielt, von einer Latina gespielt werden darf. Der Film beantwortet diese Frage gleich zu Beginn und ändert die Namensherleitung. Inhaltlich bleibt dies ohne größere Folgen, auch wenn das Symbolthema „Weißsein“ als Idealkonstrukt im Hintergrund mitschwingt. Viel entscheidender ist, dass Schneewittchens neue Diversität viele Kinder repräsentiert, die sich in klassischen Märchen oft nicht wiederfinden. Die Aufregung erscheint rückblickend überzogen: Im Kern geht es um eine Fantasiewelt, in der jedes Kind seinen Platz finden sollte.

Ähnliches gilt für die Umgestaltung der Zwerge. Die Entscheidung für animierte Kreaturen statt kleinwüchsiger Schauspieler war wohl ein Versuch, Klischees zu vermeiden, zufriedenstellen konnte man damit aber niemanden so recht. Am Ende bleibt: Es ist ein Märchen, keine historisch getreue Abbildung, und Disney sucht sichtlich nach dem besten Weg zwischen Repräsentation, Nostalgie und Zeitgeist.

Rachel Zegler überzeugt mit viel Präsenz und starker Stimme, auch wenn ihre Figur mitunter ein wenig blass bleibt. Gal Gadot hat sichtlich Freude an ihrer Rolle als böse Königin und trägt mit großem Gestus den Film durch einige der besten Szenen. Andrew Burnap als Jonathan bleibt dagegen eher blass, die Nebenfiguren, auch die Zwerge, hätten mehr Raum verdient. Die Inszenierung meidet unnötige Längen, ist aber nicht ganz frei von Anschlussfehlern und seltsamen Schnitten. Manche Übergänge wirken gehetzt, der Erzählrhythmus ist nicht immer ausgewogen. Die emotionale Tiefe bleibt zugunsten von Tempo und Märchenlogik manchmal auf der Strecke.

Fazit:
Schneewittchen ist ein Film, der mit enormem Erwartungsdruck gestartet ist und unter diesem Druck überraschend wenig zerbricht. Trotz aller Vorab-Kritik und der medialen Dauerbeschallung um Diversität, Political Correctness und Marketingpannen hat Disney einen sehr soliden, über weite Strecken sogar magischen Märchenfilm abgeliefert. Die nostalgische Atmosphäre, liebevolle Ausstattung und der Respekt vor dem Original machen den Film für viele Fans zum vielleicht gelungensten Realfilm-Remake der letzten Jahre. Gerade für Kinder entfaltet die neue Schneewittchen-Verfilmung einen Zauber, der selten geworden ist.

Doch: Die Probleme in der CGI-Gestaltung, eine gewisse Künstlichkeit und manches inkonsequente Modernisierungselement verhindern einen echten Meilenstein. Nicht jede neue Idee zündet, manche Motive und Lieder aus dem Original werden vermisst, und manche Figuren bleiben seltsam konturlos. Die großen Debatten über Hautfarben, Zwerge oder politische Aussagen treten jedoch beim Sehen schnell in den Hintergrund, was bleibt, ist die Magie des Märchens und die Erkenntnis, dass Disney noch immer in der Lage ist, Geschichten zu erzählen, die Kinder wie Erwachsene für zwei Stunden träumen lassen.

Heiho! – und das Leben geht weiter.

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