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| Titel: A Real Pain Original-Titel: A Real Pain USA/Polen/2024 Verleih: Walt Disney Studios Motion Pictures Laufzeit: 90 Minuten |
Filmkritik: A Real Pain
31.01.2025 - Andreas
Mit A Real Pain legt Jesse Eisenberg seinen zweiten Spielfilm als Regisseur vor und nimmt das Publikum mit auf eine ungewöhnliche Reise durch Polen – eine, die auf den Spuren jüdischer Familiengeschichte ebenso wandelt wie auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Schmerz. Eisenberg schickt sich und Kieran Culkin als ungleiches Cousin-Paar auf eine sogenannte „Holocaust-Tour“ – und stellt die Frage, wie Erinnerung, Trauer und die Last der Vergangenheit nachhallen, wenn die eigentlichen Zeitzeugen schon lange nicht mehr sprechen können. Kann der Film dabei die Balance zwischen Tragik und Leichtigkeit halten?
Im Zentrum der Geschichte stehen David (Jesse Eisenberg), ein typischer New Yorker Neurotiker, und sein Cousin Benji (Kieran Culkin), ein impulsiver Freigeist, der selten einen Gedanken zu Ende denkt, bevor er den nächsten ausspricht. Nach dem Tod ihrer jüdischen Großmutter, einer Holocaust-Überlebenden, führt sie ihr Weg zurück nach Polen – an jene Orte, an denen ihre Familiengeschichte einst begann und beinahe endete. Doch schon am Flughafen prallen ihre gegensätzlichen Temperamente aufeinander: Während David mit Sorgen, Medikamenten und To-do-Listen hantiert, scheint Benji alles mit entwaffnendem Charme und Unbedarftheit zu nehmen.
Im Verlauf der Gruppenreise wird schnell klar, dass sich nicht nur die Wege der beiden Cousins, sondern auch die Annäherung an das eigene Erbe grundlegend unterscheiden. Benji sucht Nähe, provoziert, hält sich an keine Konvention – und ist genau darin gleichermaßen Mittelpunkt wie Störenfried. David hingegen bleibt bemüht um Contenance, entschuldigt sich fortwährend für seinen Cousin und wirkt selbst wie ein Fremder in der eigenen Familie. Die Chemie zwischen Eisenberg und Culkin bildet das Herz des Films: Ihre Dynamik changiert gekonnt zwischen urkomisch, peinlich und zutiefst berührend. Nicht umsonst wurde Culkin für seine facettenreiche Darstellung mit dem Golden Globe ausgezeichnet – seine Figur verleiht der Geschichte jene Widersprüchlichkeit, die A Real Pain so sehenswert macht.
Zwischen Klamauk und Katharsis
Jesse Eisenberg beweist ein feines Gespür für Zwischentöne. Schon früh setzt der Film humoristische Akzente – etwa wenn Benji seine Reisegruppe zu Selfies in kämpferischer Pose vor dem Warschauer Ghetto-Denkmal animiert oder in den polnischen Zugabteilen für Chaos sorgt. Doch die Leichtigkeit kippt immer wieder ins Ernsthafte: Wenn die Gruppe das ehemalige KZ Majdanek besucht oder die Familiengeschichte einzelner Mitreisender ans Licht kommt, wird die Tragik der Reise unmissverständlich spürbar.
Dabei widersteht Eisenberg der Versuchung, zu moralisieren. Stattdessen arbeitet er mit feiner Beobachtungsgabe, trockenem Humor und einer fast dokumentarischen Nüchternheit. Die klaren, oft sachlichen Bilder, untermalt von Chopin-Klavierstücken, schaffen Raum für die Charaktere – und für die Leerstellen, die die Vergangenheit hinterlassen hat. Eisenberg nimmt sich zurück und überlässt besonders Culkin die Bühne, was dem Film eine eigentümliche Energie und Authentizität verleiht. Die Nebenfiguren, von der geschiedenen Kalifornierin (Jennifer Grey) bis zum ruandischen KZ-Überlebenden, wirken teils skizziert, doch sie bringen unterschiedliche Generationen und Perspektiven zum Klingen.
Stärken, Schwächen und der titelgebende Schmerz
A Real Pain glänzt vor allem in seinen nuancierten Dialogen und der glaubwürdigen Chemie seiner Hauptdarsteller. Immer wieder gelingt es dem Film, aus scheinbar harmlosen Situationen existenzielle Fragen zu destillieren: Was bedeutet es, sich an Traumata zu erinnern, die man selbst nicht erlebt hat? Wie lebt man mit einer Vergangenheit, die gleichzeitig prägt und entfremdet?
Gleichzeitig verlässt sich Eisenberg oft zu sehr auf bekannte Muster: Der Neurotiker und die Nervensäge, die dysfunktionale Familie, die absurde Reisegruppe – das alles wirkt gelegentlich vertraut. Besonders Benji bleibt, trotz aller Tiefe, manchmal karikaturhaft und so überdreht, dass die Balance zwischen Empathie und Irritation nicht immer gelingt. Auch die dramaturgische Entwicklung überrascht selten: Der Film verzichtet bewusst auf einen großen Wendepunkt, Veränderungen passieren in kleinen, kaum merklichen Schritten.
Doch gerade das macht auch die Stärke dieses Films aus: A Real Pain beobachtet, ohne vorschnell zu urteilen, und lässt Vieldeutigkeit zu. Die Begegnungen mit polnischen Anwohnern, bei denen Vorurteile kurz aufflackern, sich dann aber als Missverständnisse entpuppen, gehören zu den sensibelsten Momenten des Films.
Fazit:
Am Ende bleibt A Real Pain eine feinfühlige Tragikomödie, die mit Witz, Wärme und schonungsloser Ehrlichkeit von Trauer und Familiengeschichte erzählt. Eisenberg inszeniert eine Reise, die weniger Antworten gibt, als neue Fragen aufwirft – und darin liegt ihr Wert. Zwar ist der Film nicht frei von erzählerischen Wiederholungen und gelegentlichen Überzeichnungen, doch gelingt es ihm, das schwierige Thema des transgenerationalen Traumas auf berührende und oft überraschend leichte Weise zu behandeln.
Wer eine große Katharsis sucht, wird vielleicht enttäuscht. Doch für alle, die sich für das Zusammenspiel von Erinnerung, Identität und familiären Macken interessieren, ist A Real Pain ein lohnender, bewegender Film – mit einer der besten Darstellerleistungen des Jahres.



