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Chronicles: Medieval

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Tausende Soldaten stehen in Formation, Banner flattern über den Reihen und irgendwo zwischen Langbogenschützen, Rittern und Pikenträgern wartet mein eigener Charakter darauf, selbst ins Getümmel zu reiten. Chronicles: Medieval macht schon bei seiner Präsentation deutlich, dass es sich nicht zwischen Strategiespiel und Mittelalter-RPG entscheiden will. Raw Power Games möchte die gewaltigen Schlachten eines Total War mit der persönlichen Perspektive eines Mount & Blade verbinden und das Ganze in eine riesige mittelalterliche Sandbox stecken. Das klingt beinahe zu ambitioniert für ein einziges Spiel. Was bislang davon zu sehen ist, macht aber überraschend viel Lust auf mehr.

Ankündigungstrailer

Chronicles: Medieval spielt im Europa des 14. und 15. Jahrhunderts und lässt uns zunächst einen eigenen Charakter erschaffen. Dieser beginnt nicht als mächtiger König oder berühmter Feldherr, sondern soll sich seinen Platz in der mittelalterlichen Gesellschaft durch Kämpfe und Handel, neue Verbündete, Titel und schließlich eigenen Landbesitz erst verdienen. Raw Power Games möchte daraus keine klassische Kampagne mit vorgegebenem Helden machen, sondern eine Sandbox, in der sich die persönliche Geschichte aus den eigenen Entscheidungen und den Ereignissen der Welt entwickelt.

Besonders eindrucksvoll ist die Größe dieser Welt. Die sogenannte Exploration Map soll aus 209 Regionen bestehen, in denen jeweils mindestens eine Siedlung und eine Burg zu finden sind. Dazwischen liegen dynamische Orte wie Banditenlager, Treffpunkte von Söldnern oder Handelsmöglichkeiten. Armeen bewegen sich über die Karte, Ressourcen und Verpflegung müssen berücksichtigt werden und auch gegnerische Truppen können unterwegs plötzlich zum Problem werden. Je näher die Kamera an die Welt herangeht, desto detaillierter wird die Darstellung. Städte, Straßen, Wälder und kleinere Gebiete treten hervor und sollen schließlich auch tatsächlich bereist werden können.

Das ist deutlich mehr als eine hübsche Weltkarte zwischen den Schlachten. Raw Power Games arbeitet an einem Feudalsystem, bei dem Titel, persönliche Beziehungen und Vasallen entscheidend sein sollen. Eine Fraktion besteht nicht einfach aus einem König und einer einheitlich handelnden Nation. Einzelne Adelige verfolgen eigene Interessen, können miteinander verbündet oder verfeindet sein und müssen nicht automatisch dieselbe Meinung über den Spieler haben wie ihr Lehnsherr. Das klingt für ein Mittelalterspiel wesentlich passender als die oftmals sehr modernen Nationalstaaten, die uns Strategiespiele gerne für diese Zeit vorsetzen.

Eine mittelalterliche Marktstraße in Chronicles: Medieval
Abseits der Schlachtfelder lässt sich die mittelalterliche Spielwelt aus der Third-Person-Perspektive erkunden.

Das Herzstück bleiben vorerst aber die Schlachten. Das erklärte Entwicklungsziel sind Gefechte mit bis zu 1.000 gegen 1.000 individuell dargestellten Soldaten. Raw Power Games betont allerdings, dass diese Zahl für den Early Access noch nicht zugesichert ist. Die gezeigten Kämpfe vermitteln bereits eine Vorstellung davon, wie das später aussehen könnte. Auf hügeligen Feldern stehen sich große Formationen gegenüber, Kavallerie bewegt sich über die Flanken und Pfeilsalven ziehen über das Schlachtfeld, während sich die Infanterie langsam aufeinander zubewegt.

Dabei zählt nicht nur, welche Einheit man besitzt. Truppen werden unter anderem in Aufgebote, Söldner und Household-Einheiten unterteilt. Einfache Aufgebote sind günstig, schlechter ausgerüstet und verlieren schneller ihre Ordnung. Household-Soldaten stammen dagegen aus dem direkten Gefolge eines Adeligen, sind besser trainiert und ausgestattet, kosten entsprechend mehr und halten ihre Formation deutlich zuverlässiger. Söldner liegen irgendwo dazwischen und können helfen, Schwächen der eigenen Fraktion auszugleichen. Die Engländer setzen beispielsweise auf starke Bogenschützen, Frankreich auf schwere Kavallerie und das Heilige Römische Reich auf widerstandsfähige Nahkampfinfanterie.

Ein berittener Kommandant blickt auf eine große Schlacht in Chronicles: Medieval
Als Kommandant behalten wir Formationen und Moral im Blick und können zugleich selbst ins Gefecht eingreifen.

Bemerkenswert ist der Detailgrad. Selbst innerhalb einer Einheit sehen die Soldaten nicht einfach wie Kopien voneinander aus. Rüstungen, Kleidungsstücke und Ausrüstung variieren sichtbar. Der eine trägt Handschuhe und einen Wappenrock, der nächste nicht, wieder ein anderer steht mit wesentlich einfacherer Ausstattung daneben. Gerade bei niedrigeren Truppenstufen passt dieses uneinheitliche Erscheinungsbild hervorragend in die Zeit.

Auf dem Schlachtfeld greift das bekannte Prinzip gegenseitiger Konter. Kavallerie kann schlecht geschützte Bogenschützen zerlegen, läuft aber direkt in eine vorbereitete Speerformation ins Verderben. Pikenträger wiederum sind verwundbar, sobald Schwertkämpfer ihre Formation durchbrechen. Die richtige Einheit allein genügt allerdings nicht. Wer eine Kavallerieattacke erwartet, muss seinen Soldaten auch tatsächlich befehlen, eine entsprechende Speerwand zu bilden.

Vor Beginn des Kampfes lassen sich Einheiten detailliert positionieren und Befehle vorbereiten. Während der Schlacht können wir weiter reagieren, Formationen verändern, Truppen zurückziehen oder einen Angriff befehlen. Je weiter unser Charakter allerdings von seinen Männern entfernt ist, desto eingeschränkter wird die direkte Kontrolle. Das ergibt spielerisch Sinn und verhindert gleichzeitig, dass der eigene Feldherr wie ein moderner General mit Funkgerät über das komplette Schlachtfeld dirigiert.

Battle-Trailer

Genau hier kommt der Mount-&-Blade-Teil ins Spiel. Statt die gesamte Schlacht ausschließlich aus der Vogelperspektive zu beobachten, können wir jederzeit unseren eigenen Kommandanten übernehmen. Dann wechselt Chronicles: Medieval in eine Third-Person-Perspektive und lässt uns selbst mit Schwert, Lanze oder anderer Bewaffnung kämpfen. Zu Pferd kann man schnell zwischen unterschiedlichen Teilen der Armee wechseln, zu Fuß direkt in die Kämpfe eingreifen.

Das ist mehr als reine Show. Die Anwesenheit des Kommandanten beeinflusst die Moral der Soldaten. Einheiten in unmittelbarer Nähe können inspiriert werden und halten Belastungen besser stand. Verluste, auseinanderbrechende Formationen und schlechte Kampfsituationen wirken sich dagegen negativ aus. Damit entsteht eine interessante Entscheidung: Bleibe ich auf einem Hügel, behalte das Schlachtfeld im Blick und koordiniere meine Armee oder reite ich selbst dorthin, wo meine Männer gerade einzubrechen drohen?

Zwei Heere treffen in Chronicles: Medieval aufeinander
Chronicles: Medieval verbindet große Formationen mit direkter Action auf dem Schlachtfeld.

Historisch sollte man das Ganze allerdings nicht zu genau nehmen. England, Frankreich und das Heilige Römische Reich stehen sich hier als große Mächte gegenüber, eine Konstellation, die so nicht einfach aus dem Geschichtsbuch übernommen wurde. Raw Power Games will aber auch keine exakte Nachbildung des Hundertjährigen Krieges liefern, übernimmt aber möglichst viele historisch korrekte Details, wo es passend ist. Die Epoche dient insgesamt vielmehr als Ausgangspunkt für eine Sandbox, in der wir den Verlauf der Geschichte selbst verändern, ein historisch korrektes Spiel darf man sich deswegen nicht vollständig erwarten.

Dazu passt, dass die Welt langfristig wesentlich mehr bieten soll als Schlachten zwischen drei vorgegebenen Blöcken. Handel, Diplomatie, Lehensbeziehungen, Burgbau, Belagerungen und politische Macht sollen miteinander verbunden werden. Hinzu kommt eine ausgesprochen offene Haltung gegenüber Mods. Raw Power Games möchte der Community die eigenen Werkzeuge zur Verfügung stellen, damit Spieler die Welt später selbst erweitern und verändern können.

Chronicles: Medieval soll Anfang 2027 zunächst auf dem PC in den Steam Early Access starten. Konsolenversionen sind anschließend geplant. Raw Power Games hat die Veröffentlichung bewusst nach hinten verschoben, um zentrale Systeme weiter auszuarbeiten. Angesichts dessen, was das Studio gleichzeitig versucht, dürfte diese zusätzliche Zeit kaum schaden.

Ersteindruck

Ersteindruck vonAndreasUnsere EinschätzungSehr gut

Chronicles: Medieval wirkt wie eines jener Projekte, bei denen man während einer Präsentation ständig darauf wartet, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem die Ambitionen zu groß werden. Eine riesige Sandbox, komplexe Feudalpolitik, individuelle Charakterentwicklung, Burgen, Handel und Schlachten mit potenziell Tausenden Soldaten wären jeweils schon umfangreiche Systeme. Dass Raw Power Games all das mit direkter Third-Person-Action verbinden möchte, ist enorm ambitioniert. Erstaunlicherweise sieht das bislang Gezeigte aber nicht nach einer losen Sammlung guter Ideen aus, sondern nach einem Spiel, dessen einzelne Bestandteile tatsächlich zusammenpassen könnten.

Bis dahin gibt es noch genug Baustellen. KI, Kamera und Stabilität brauchen Arbeit, und auch bei der historischen Einordnung darf man nicht jedes Marketingversprechen von Authentizität zu wörtlich nehmen. Gerade der Auftritt des Heiligen Römischen Reiches als scheinbar dritte Partei des Hundertjährigen Krieges wäre als historische Simulation problematisch. Als bewusst alternative mittelalterliche Sandbox funktioniert die Idee dagegen. Wenn Raw Power Games die technische Seite in den Griff bekommt und die Welt außerhalb der beeindruckenden Schlachten genauso viel Tiefe erhält, könnte Chronicles: Medieval 2027 tatsächlich zu einem der spannendsten neuen Mittelalterspiele werden.

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