
Test: Paleo
Kooperative Brettspiele erfreuen sich seit Jahren großer Beliebtheit. Titel wie Pandemie oder Herr der Ringe haben gezeigt, wie spannend es sein kann, gemeinsam gegen das Spiel zu kämpfen statt gegeneinander. Doch viele dieser Spiele kranken an einem bekannten Problem: dem Alpha-Spieler, der allen anderen sagt, was sie zu tun haben. Paleo, das 2021 zum Kennerspiel des Jahres gekürt wurde, geht hier einen erfrischend anderen Weg. Es versetzt uns in die Steinzeit und lässt uns mit jeder Partie ums nackte Überleben kämpfen – Mammuts, Wölfe und knappe Vorräte inklusive.In Paleo führen wir einen kleinen Stamm durch den harten Alltag der Altsteinzeit. Gemeinsam versuchen wir, Nahrung zu sammeln, Werkzeuge zu bauen und Gefahren abzuwehren. Das große Ziel: eine Höhlenmalerei, die unseren Stamm für die Nachwelt unsterblich macht. Fünf Teile gilt es dafür zu erringen. Scheitern wir hingegen fünfmal, etwa weil Stammesmitglieder verhungern oder an ihren Verletzungen sterben, ist die Partie verloren. Einfach ist das nicht, denn schon der erste Tag kann unseren mühsam aufgebauten Clan an den Rand des Untergangs bringen. Das Herzstück von Paleo ist das Kartensystem. Jeder Spieler zieht drei verdeckte Karten, darf sich aber nur anhand der Rückseiten entscheiden, welche er spielt. Zeigt die Rückseite einen Wald, könnte sich dahinter Nahrung oder Holz verbergen, oder auch eine gefährliche Begegnung. Ein Lagerfeuer wiederum deutet auf neue Ideen oder Stammesmitglieder hin. Was genau passiert, bleibt ungewiss, und gerade das sorgt für ständige Spannung. Denn sobald alle ihre Karten gleichzeitig aufdecken, zeigt sich, ob es Beute gibt oder ob ein Wolf im Gebirge zuschlägt. Oft reicht ein Spieler allein nicht aus, um eine Aufgabe zu meistern, also hilft man sich gegenseitig. Genau hier entfaltet Paleo seine Stärke: Jeder Zug verlangt Absprachen und gemeinsames Taktieren, ohne dass einer allein den Ton angeben kann. Auch das Material überzeugt. Ressourcenmarker aus Holz, stabile Tableaus, eine kleine Werkbank zum Zusammenbauen und ein Friedhof als 3D-Element – hier stimmt die Ausstattung. Die Illustrationen sind atmosphärisch und stimmungsvoll, die Karten halten dank Leinenfinish einiges aus. Einziger Schwachpunkt ist die Anleitung: Manche Regeln sind unklar formuliert, wichtige Details finden sich nur im Beiblatt. Zwar hat der Verlag inzwischen nachgebessert, doch der erste Einstieg bleibt holprig. Der Wiederspielwert hingegen ist hoch. Zehn Module können beliebig kombiniert werden, jede Partie bringt neue Überraschungen und neue Herausforderungen. Erste Runden enden oft im Scheitern, doch das fühlt sich nicht unfair an, sondern motiviert, es gleich noch einmal zu versuchen. Die Steinzeit war bekanntlich ein hartes Pflaster, nicht jeder Stamm überlebte. Mit jeder Partie wächst die Erfahrung, fast so, als würden auch die Spieler wie ihre Steinzeitmenschen langsam dazulernen. Besonders gut funktioniert Paleo in Runden mit zwei oder drei Spielern, da die Absprachen dann knackiger sind. Zu viert kann es etwas zäher werden, bleibt aber spannend.
Fazit Brettspiel:
Paleo ist ein herausragendes kooperatives Abenteuer, das mit einfachen Mitteln eine enorme Spannung erzeugt. Statt komplexer Regeln lebt es von cleveren Entscheidungen, Gruppendynamik und einer gelungenen Mischung aus Risiko und Planung. Die hochwertige Ausstattung und das unverbrauchte Steinzeit-Setting machen es zusätzlich zu einem Hingucker. Schwächen gibt es bei der Anleitung, und auch der Glücksfaktor spielt eine Rolle, doch das Gesamtpaket überzeugt auf ganzer Linie. Wer Lust auf ein forderndes, kooperatives Spielerlebnis mit hohem Wiederspielwert hat, findet in Paleo einen würdigen Gewinner des Kennerspiel des Jahres 2021.




